Hart aber fair

Gestern gab es wieder eine interessante Sendung zu einem meiner Lieblingsthemen – Homo-Ehe etc.

Arno Frank vom Spiegel schreibt darüber folgenden Bericht, den ich ganz wunderbar finde. Kann ich nur so unterschreiben:

__________________________________________________________________________

http://www.spiegel.de/kultur/tv/hart-aber-fair-plasberg-talk-ueber-homosexuelle-a-870781.html

“Hart aber fair”-Talk über Homosexuelle

Es nervt

Von Arno Frank

Da setzen sich tatsächlich zwei erzkatholische Publizisten in die Talkshow von Frank Plasberg, wettern gegen den “homosexuellen Hype” und stempeln gleichgeschlechtliche Paare als solche zweiter Klasse herab. Geht’s noch? Zum Glück griff wenigstens der sehenswert aggressive Moderator ein.

Langsam nervt’s. Wie kann man sich nur ernsthaft in eine Talkshow setzen, um dort Schwulen und Lesben die gleichen Rechte abzusprechen, die Heterosexuelle ganz selbstverständlich in Anspruch nehmen? Wie kann man sich nur erdreisten, die homosexuelle zu einer Lebenspartnerschaft zweiter Klasse herabzuwürdigen? Wie kann denn 2012 noch ernsthaft darüber diskutiert werden, ob gleichgeschlechtliche Paare auch Kinder adoptieren dürfen? Wer tut sowas? Wer sind diese Leute?

Martin Lohmann und Birgit Kelle, beides erzkatholische Publizisten und CDU-Mitglieder, tun sowas und trauen sich, gegen den Strom oder, wie Lohmann sagen würde, den “homosexuellen Hype” anzuschwimmen. Lohmann ist Chefredakteur des vatikantreuen Spartensenders K-TV, allen Ernstes “Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem” und argumentiert entsprechend theologisch – übrigens erst, nachdem ihmPlasberg in einer sehenswert aggressiven Szene die Spickzettel förmlich entreißen musste, auf denen er sich Argumente, Zahlen und Studien notiert hatte.Ehe ist nach dem Evangelium des Lohmann da, wo Mann und Frau sind. Alles andere ist wider die – nein, nicht Schöpfung, sondern “Natur”. Für ihn ist Sexualität so “kostbar”, dass er das Wort unablässig und so lange wiederholt, bis selbst dem eingefleischtesten Atheisten dämmert, dass er damit eigentlich “heilig” meint. Im Gegensatz zum bekanntlich billigen und “verantwortungslosen” Aufeinanderhüpfen der Schwulen und Lesben, versteht sich. Weil da ja kein Kind bei rauskommt. “Sie haben ein Kind”, stellt Plasberg trocken fest: “Das heißt, sie haben einmal mit ihrer Frau geschlafen?” – “Herr Plasberg, das ist eine primitive Aussage, und die weise ich zurück.”

Der Glaube des Kreuzritters Lohmann

Es ist sein Glauben, den mag man ihm nicht nehmen. Glauben ist auch etwas sehr Kostbares, wie Sex. Wer so glaubt wie Kreuzritter Lohmann, weiß aus dem persönlichen Gespräch mit Gott, was Gott will. Und wer kann das schon von sich behaupten? Birgit Kelle kann das, die ebenfalls von einem christlichen Fundament aus über Menschen urteilt, die nicht so rechtschaffen leben wie sie. Die Journalistin trägt ihre “vier kleinen Kinder” wie eine Monstranz vor sich her und schwadroniert davon, dass “Dreiviertel aller Kinder in Deutschland” in einer “Originalfamilie” leben, also originalverpackt und mit der korrekten Einstellung ab Werk. Wer ohne Vater aufwächst, der wird depressiv, drogensüchtig, aggressiv. Gibt’s Studien zu. Von der schrillschwulen Politfolklore eines Christopher Street Day fühlt sie sich – ohne jedes Interesse an Ursprung und Geschichte des CSD – in ihrem wohlgeordneten Weltbild provoziert. Es sei wenig “hilfreich”, wenn Schwule und Lesben sich auf diese Weise “selbst ausgrenzen”.

Dabei hätte es in dieser Sendung gar nicht der Schwulen und Lesben bedurft, wie sie von den Unterhaltungskünstlern Ralf Morgenstern und Lucy (die von den No Angels) repräsentiert wurden. Lucy sitzt da und ist lesbisch, Morgenstern zeigt sich immerhin rechtschaffen empört bis grimmig belustigt – die natürliche Reaktion libertärer Menschen auf Reaktionäre, die keinem einzigen vernünftigen Argument zugänglich sind. Nein, es genügte vollkommen, Lohmann und Kelle zuzuhören, die ihre Ressentiments wie Auslegeware entrollten.

Irgendwo zwischen den Stühlen sitzt da noch Stefan Kaufmann. Als schwuler CDU-Abgeordneter ist er eigentlich die interessanteste Figur an diesem Abend. Auf dem Parteitag kämpft er für den Antrag, das Ehegattensplitting an die Familie zu koppeln und damit auch Homosexuellen zugänglich machen. Für das volle Adoptionsrecht für Schwule und Lesben tritt er nicht ein. Das sei, wie er zerknirscht einräumt, der CDU “noch nicht zuzumuten”.Mit dem Rücken zur Wand

“Sind Sie sicher, dass Sie in der richtigen Partei sind?”, fragt Plasberg besorgt, und nach dieser Frage verfällt Kaufmann zusehends in hamlethaftes Brüten. In seiner Zerrissenheit wirkt er wesentlich menschlicher als Leute wie Lohmann oder Kelle mit ihren fugenlos abgedichteten Überzeugungen. Beide fühlen sie sich sichtlich einsam in einer Gesellschaft, die ihre verknöcherten Tugenden und angestaubten Moralvorstellungen längst entsorgt hat. Sollte die CDU eines Tages auch mal wieder von “berufstoleranten Großstädtern” (Plasberg) gewählt werden wollen, wird ihnen auch noch diese geistige Heimat abhanden kommen.

Es sind also Vertriebene. Es sind die Leute, die sich erdreisten und auf Angriff schalten. Weil sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Weil sie das Gefühl haben, ihnen käme etwas abhanden – wo es doch nur darum geht, anderen etwas zu geben. Aber vielleicht ist die reaktionäre Orientierung eines Menschen ja gar nicht angeboren. Vielleicht lässt sich da mit einer Therapie etwas machen. Es ist wirklich höchste Zeit. Denn langsam nervt’s.

Berlin Tag und Nacht

Es ist Zeit euch  eine mir eher peinliche Neigung zu gestehen… Ich schaue gerne Asi-TV.

Zwar bin ich dabei im ständigen innerlichen Dialog mit mir selbst darüber, dass diese Sendungen niveaulos, unrealistisch und anders als manche Sendung proklamiert so gar nicht mitten aus dem Leben sind — aber gleichzeitig belustigen und entspannen sie mich. Ich bin mir nicht sicher, was das genau über mich aussagt, ich schäme mich auch etwas… Aber es ist wie es ist. Und dieser Neigung nachgehend bin ich an eine der wohl ärgsten Asi-Sendungen geraten… „Berlin Tag und Nacht“… und siehe da, zum ersten Mal habe ich das Gefühl, eine solche Sendung loben zu können.

Bereits seit 2011 flimmert  jeden Abend um 19 Uhr eine neue Folge über „Deutschlands coolste WG“ (wie RTL2 es nennt) über die Mattscheibe. Gezeigt werden improvisierende Laiendarsteller, die in Berlin allerlei zwischenmenschliche Dramen erleben; dem Zuschauer wird dabei möglichst vermittelt, dass alles echt und realistisch ist. Das gelingt natürlich nur bedingt… Aber  nach gewissen Startschwierigkeiten knackt die  Sendung mittlerweile ein Millionenpublikum unter den 14-49 Jährigen. Man kann die Sendung beinahe kultig nennen; und so gibt es bald noch einen Ableger aus Köln. Es handelt sich hier also um die wohl populärste Nicht-Casting- und Nicht-Kuppelshow Asi-Sendung Deutschlands.

Warum aber möchte ich mittlelprächtige bis schlechte  Schauspielerei und abgedreht geskriptete Geschichten im billig TV-Format loben? Nun, Berlin Tag und Nacht ist zwar all dies; aber dazu unterstützt die Sendung Offenheit und Toleranz im vorbildlichen Sinne; was ich angesichts der hohen Einschaltquoten sehr erfreulich finde. Gerade wir Lesben kommen derzeit voll auf unsere Kosten.

Momentan haben wir gleich zwei Storylines, die unsere Probleme aufgreifen und behandeln. Auf der einen Seite haben wir das Geschwisterpaar Alina und Vanessa, die zufälliger Weise beide auf Frauen stehen, und ihrer Mutter damit völlig vor den Kopf stoßen. Diese kommt damit nämlich gar nicht klar, hat diverse Umpol-Versuche schon hinter sich und greift nun zur Flasche. Oberdramatisch alles; natürlich; aber im Grunde geht es hier um die typischsten Probleme: Die Schwierigkeit, sich seine Neigung erst einmal selbst einzugestehen; dann die Frage, wie man damit umgehen soll; und dann die Konfrontation mit anders denkenden Menschen.

In der Teenie-WG der Sendung haben wir dagegen noch einen anderen Fall. Dort ist Andi (hier ganz links) vor einigen Wochen eingezogen und spielte bislang eine unscheinbare Rolle. Komisch wurde es nur, als nebenbei erwähnt wurde, dass Andi nie seinen  Personalausweis zeigt, sich nach dem Fußball nicht mit den Jungs umziehen wollte und eine potenzielle Freundin bevor etwas lief in den Wind geschossen hat —- und diese Woche ist dann die Bombe geplatzt: Andi heißt eigentlich Andrea und ist ein Mädchen. Wie wird die WG damit umgehen?!

Ok, das sind die abgefahrenen Geschichten. Was mich daran freut ist, dass diese Sendung ein großes Publikum erreicht und gerade in Schichten, die vielleicht ein eher kleines Weltbild haben, viele junge Menschen findet. Diese bekommen Probleme wie Homosexualität, die sie sicher im realen Leben weit umgehen würden,  für sie nachvollziehbar mit allen Problemen aufgezeigt. Man kommt gar nicht darum herum, sich mit den Figuren zu identifizieren. Nicht von ungefähr haben auch seriöse Kampagnen wie die der „Ich will Europa“ Initiative nun die Figuren der Sendung für sich entdeckt.

Die Zuschauer finden die Charaktere cool, gerade weil sie keine feinen, perfekten Leute darstellen sondern fast ausschließlich solche aus den unteren Schichten; mit mittelmäßigen Bildungsniveau, mit Jobs wie Barmann, Verkäuferin und auch die Stripper dürfen nicht fehlen…; mit Beziehungs-, Geld und Drogenproblemen — Das finden junge Leute spannend! Sie leiden und freuen sich mit den Figuren und verfolgen die Geschehnisse noch über die Sendezeit hinaus auf einem fleißig geführten Facebookprofil weiter. Das ist einfach wahnsinnig geschickt gemacht von RTL2.

Ich möchte in diesem Beitrag gewiss keine Werbung für diese Sendung machen; aber ich möchte wohl darauf hinweisen, dass nicht alles, was niveaulos aussieht, auch wertlos ist. ;)

Find Your Understanding

Eine Leserin hat mich auf dieses schöne Video aufmerksam gemacht. Danke Ani!

Expedia zeigt in diesem Clip einen Vater, der zur Hochzeit seiner lesbischen Tochter reist. Akzeptieren und Verstehen war kein leichter Schritt für ihn – aber es ist gelungen. Ein schöner Beitrag zur Förderung der Akzeptanz und des Verständnisses!

 

Nur weil die lesbisch sind…

Neulich war ich mit 3 Freundinnen auf einem Konzert. Wir waren ein Trüppchen Lesben und mindestens 2en von uns konnte man das auch ansehen. Als wir an die Bar gingen, um etwas zu trinken zu besorgen, haben wir uns wohl in das Blickfeld zweier anderer Frauen gestellt – und fingen uns gleich die Bemerkung ein:

„Nur weil die lesbisch sind, können die sich auch nicht alles erlauben.“

Haben wir nicht verstanden. Nun, scheinbar haben wir uns vorgedrängelt, unabsichtlich, aber in jedem Fall – komisch, wie die Leute sowas begründen. „Nur weil die lesbisch sind!“ Klingt für mich ein bisschen nach dem Opfer-Schema – bloß weil es dir schlecht geht, können jetzt nicht alle immer auf dich Rücksicht nehmen etc.

Eine ähnliche Beobachtung habe ich vor ein paar Jahren schon mal gemacht. Damals kam der letzte „Harry Potter“ Band raus und ich war in einer Lesenacht.  Hinter mir und meinen Begleiterinnen saßen zwei Frauen, beide kurzhaarig, beide hochgeschlossen gekleidet. Ihnen schien die Leserei nicht gut zu gefallen, sie machten zwischendurch leicht abfällige Bemerkungen, fanden dies und jenes „albern“.  Ganz so, als hätten sie voll Ahnung davon, wie man es besser oder intellektueller hätte verpacken können. War schon leicht ätzend. Auf jeden Fall sprachen meine Begleiterinnen danach darüber und eine sagte: „Die beiden Frauen waren auch bestimmt lesbisch.“

Als hätte das irgendetwas damit zu tun!

Wenn man sich irgendwie daneben verhält, oder so, als hielte man sich für besonders — dann liegt das daran, dass man lesbisch ist?!

Wie seltsam Leute denken, wenn ihnen etwas suspekt ist. Ich glaube, die, die so etwas sagen, kennen selbst keine Lesbe persönlich und erklären sich, sobald derjenige, der komisch auffällt, nur ein bisschen nach homo aussieht, jede verquere Eigenschaft durch Homosexualität.

Aber vielleicht steckt da doch ein bisschen Wahrheit hinter. Verhalten sich manche Leute absichtlich auffälliger, vielleicht egozentrischer, weil sie sich – mit ihrer Sexualität – besonders fühlen? Schwierig. Ich will nicht gänzlich ausschließen, dass das manchmal so ist.

Andererseits müssen die Heten ja nicht alles aufs Homosexuelle zurückführen, nur weil die hetero sind.

Der Vater meiner Kinder

Lesbisch sein und eigene Kinder haben wollen. Eigentlich ein Thema, was mich – Gott sei Dank – noch nicht  betrifft. Ich habe mir noch keinerlei ernsthafte Gedanken in Richtung Kinder kriegen gemacht, im Gegensatz zu einigen meiner Freundinnen. Ja, in meinem vagen Zukunftsbild stell ich es mir durchaus schön vor, so eine „richtige“ eigene Familie zu haben. Zu meiner Vorstellung von einem vollkommenen Leben gehört das auch irgendwie einfach dazu. Aber gleichzeitig wird mir bei dem Gedanken auch bange, weil mir klar ist, dass das für einen homosexuellen Menschen absolut keine Selbstverständlichkeit ist – weder der Weg dahin, noch das folgende Leben dann.

Eine Bekannte von mir war immer sehr offen darüber, dass sie unbedingt einmal Kinder haben will. Sie war lesbisch. Überzeugt lesbisch und über Jahre hinweg verankert im lesbischen Kreis dazu. Ende 20 schloss sie ihr Studium ab, die Beziehung zur Freundin ging in die Brüche, sie ging sich selbst finden auf einem Pilgerpfad – und ein neuer Lebensabschnitt begann.

Einen Monat später war sie mit einem Mann zusammen.
Ist es über ein Jahr mittlerweile. Und alle sind sich sicher – die Schwangerschaft wird nicht lange auf sich warten lassen.

Eine individuelle Geschichte, ja, aber man kann sich schon fragen… Hat der Kinderwunsch da vielleicht zur Heterosexualität verholfen?? In einer Situation, die den  Umbruch in das „Erwachsenenleben“ bedeutet, man nun in der Gesellschaft für sich stehen muss und in der man natürlich einen Wunsch nach Sicherheit entwickelt – Ich kann mir vorstellen, dass man da auch mal den leichteren Weg wählt.

Irgendwie finde ich das furchtbar.

Wie gesagt, das ist eine individuelle Geschichte. Ich kenne diese Frau auch viel zu wenig, um mir irgendein Urteil darüber zu erlauben, warum was wie gekommen ist und überhaupt… Aber beim Nachdenken darüber, wurde mir wieder bewusst, was alles an Schwierigkeiten noch auf mich zukommt. Nein, ich kann mir nicht vorstellen plötzlich hetero zu werden — aber, um sich fortzupflanzen (die Option der Adoption blende ich hier mal aus) braucht man schlicht und ergreifend einen Mann!

Meine Freundin hat mir neulich einen alten Freund vorgestellt, einen sportlichen, attraktiven Typen, und meinte dazu: „Ich hab ihm schon gesagt, dass er mal der Vater meiner Kinder sein soll. Er war einverstanden.“ Sie hat das so dahin gesagt, einfach um zu unterstreichen, dass er ein gut aussehender junger Mann ist. Mir hat sich dabei dennoch der Magen umgedreht.

Erstens weil „Er soll der Vater meiner Kinder sein“ ein für mich romantisch beladener Ausdruck ist. Und außerdem – will ich überhaupt, dass das Kind einen „Vater“ hat?! Ok, damit es ein Kind gibt, braucht es einen Vater. Aber ich tendiere da eher zu „Samenspender“ statt „Vater“ — denn will ich denn, dass da Kontakt besteht und eine wirkliche “Vater”-Kind-Beziehung existiert? Eigentlich nicht. Das klingt jetzt vielleicht verpeilt, aber ich will das Kind doch mit meiner Frau großziehen; will ich mir dazu noch einen Mann in die Familie holen?!
In diesem jetzigen Moment denke ich—NEIN! Will ich nicht! Andererseits – kann ich denn einem Kind vorenthalten, was es von Natur aus hat? Das wäre egoistisch in üblem Maße. Braucht ein Kind nicht Mutter UND Vater? … Kann man das beweisen? Kann ich behaupten, dass es nicht so ist? Vielleicht tu ich das ja nur, weil ich lesbisch bin und es nicht ertragen kann, in diesem Punkt unweigerlich und ausweglos vom männlichen Geschlecht abhängig zu sein?!

Das ist alles höchst spekulativ und theoretisch, aber es betrifft Grundsatzfragen und mein Kopf wird ganz wirr davon. Deswegen bin ich SO froh, noch (für mein Empfinden) VIEL zu jung zu sein, mir überhaupt Gedanken über Kinder zu machen. Für den Moment schiebe ich das alles also wieder weg von mir.

Das Dilemma ist nur, dass für jeden irgendwann ein neuer Lebensabschnitt beginnen muss. Was auch immer das bedeuten mag.

Aufreger; mal wieder.

Immer wieder unfassbar, wie vermeintlich gebildete Menschen so dumm sein können. Dumm, auf eine andere Art und Weise. Eine Dummheit viel schlimmer als die, die durch blankes Unwissen entsteht. Es ist eine soziale Dummheit.

Schaut euch mal Maybrit Illner vom 30.08. an: „Zwei Männer und ein Baby – gleiches Recht für Homo-Ehe?“

Oder lest diesen Artikel: http://www.welt.de/fernsehen/article108883614/Schwulen-Veteran-trifft-lustige-Katholikin.html

Ein Hoch auf Herrn Beck.

Ganz viel Vertrauen in die Menschheit entwickel ich auch, wenn ich die Kommentare darunter lese. Hier:

Wenn man ein Kind von Homosexuellen erziehen läßt, wird es zwangsweise 
mit dem Thema Homosexualität konfrontiert. Das Kind wird mit Sicherheit 
in der Schule deswegen gehänselt und fragt sich selber warum die anderen
Kinder Mutter und Vater haben und sie 2 Männer oder 2 Frauen. Mit 
diesem Thema ist ein Kind völlig überfordert.

Deshalb halte ich das Erziehungsrecht für homosexuelle Paare für eine 
Art des Kindesmißbrauches. Der erwachsene schwule Mann hat die 
Möglichkeit der Wahl – will ich meine Homosexualität ausleben – ja oder 
nein. Das Kind wird nicht gefragt und mit dieser Situation einfach 
konkrontiert. Das ist zutiefst ungerecht.

Homosexuelle wollen auf Teufel komm raus “gleichgestellt” werden und benutzen dafür auch noch wehrlose Kinder. Widerlicher und 
rücksichtsloser geht es gar nicht mehr...“

Ich finde widerlich und rücksichtslos wie manche Menschen es als völlig richtig betrachten, wenn Menschen wegen was auch immer, sei es Homosexualität oder Nationalität oder was auch immer, NICHT gleichgestellt werden, und die Argumente dafür auch noch so haltlos sind –
Ich gehe jede Wette ein – die Anzahl leidender, missbrauchter Kinder, die aus den ach so normalen heterosexuellen Beziehungen entstehen und dann dort in kaputten Verhältnissen aufwachsen, wird IMMER größer sein, als die der vielleicht gehänselten Kinder, die als Adoptivkind in einer homosexuellen Partnerschaft aufwachsen. Nur weil die einen sich nach belieben fortpflanzen können, heißt das doch noch lange nicht, dass es jedem Kind dort besser geht!

Soziale Dummheit. Besorgnis erregend.

Kurzgeschichte “Einfach zu sich stehen”

Vor 3 Jahren hatte ich vor, an einem Schreibwettbewerb teilzunehmen. Er war an schwule und lesbische junge Menschen gerichtet und man sollte (natürlich) Homosexualität thematisieren und dazu, dass Humanismus und nicht Religion die Werte bestimmen sollte … etc… Naja, ich schrieb eifrig eine kurze Geschichte und stellte unmittelbar nach Fertigstellung dieser fest, dass ich niemals teilnehmen könnte. Wieso? Weil ich das Risiko eingegangen wäre, etwas zu gewinnen. Wäre das passiert, hätten die meinen Namen veröffentlicht und ich wäre für alle Zeit mit meiner Homo-Geschichte im Internet zu finden gewesen — und so ließ ich es bleiben.
Ich hab mich damals schon sehr geärgert, dass ich mir selbst so im Wege stehen musste. Aber naja. Das ist mein Problem. Immer schon gewesen. Egal. Da die Story immer noch auf meinem PC liegt, ist mir der Gedanke gekommen, sie einfach hier reinzustellen. Viel Spaß!

———————————————————————————————————————————–

Einfach zu sich stehen / Ohne Reli küsst’s sich besser

Der entscheidende Moment, der, so seltsam er auch gewesen sein mag, mein ganzes weiteres Leben beeinflussen sollte, ereignete sich in einer sonst ganz gewöhnlichen Religionsstunde an einem Freitagnachmittag. Es war die achte Stunde, der Tag war also schon lang gewesen und die meisten Blicke meiner Klassenkameraden schweiften gelangweilt hin und her. Meine beste Freundin Gina, die neben mir saß, blätterte unterm Tisch in einer Zeitschrift. Ich dagegen kritzelte ungeschickt auf meinem Block herum und versuchte eine schöne Unterschrift zu entwickeln. Mittlerweile stand schon ungefähr hundert Mal „Jessica Brandt“ auf dem Papier. Unser Lehrer, Pfarrer Kampmann, sprach gerade irgendetwas über Leid in der Welt und wie wir Christen damit umgehen sollten, als mein Mitschüler Ben ihm ins Wort fiel: „Wie scheinheilig Sie sich mit ihren Bibelstellen immer aus der Affäre ziehen.“

Wumms.

Plötzlich schienen alle wieder wach zu sein. Überrascht bis schockiert richteten alle ihre Augen auf Ben und Pfarrer Kampmann zugleich. „Ich weiß nicht, was diese Bemerkung soll, aber ich würde Sie bitten, die Hand zu heben, wenn Sie etwas zum Unterricht beitragen wollen.“, entgegnete der Pfarrer relativ cool. Einen Moment wirkte es, als wäre Ben nicht gewillt diese angespannte Situation weiter auszureizen – doch dann schaute er dem Pfarrer entschlossen ins Gesicht und hob die Hand. Wie der Rest meiner Mitschüler, war auch ich sehr gespannt, was der sonst eher stille Ben zu sagen hatte. Ben hatte es in den letzten 7 Schuljahren, die wir hier auf dem Gymnasium hinter uns gebracht hatten, geschafft, sich von einem kleinen, unscheinbaren Jungen zu einer auffälligen Erscheinung zu mausern. Er trug meist schwarze, rockige Klamotten, auch die Haare waren pechschwarz und immer aufwändig gestylt. Trotz der selbstbewussten Aufmachung war Ben eher ruhig und meist für sich allein. Seine feinen Züge und dieses jungenhaftes Grinsen hatten manches Mädchen schon  schwärmen lassen, aber letztlich war Ben (meines Wissens nach) immer allein geblieben. Dass er nun quasi aus seinem Versteck heraus trat, um ausgerechnet mit dem alten Pfarrer zu diskutieren, war mehr als verwunderlich. Pfarrer Kampmann schien sich auf das Spielchen einzulassen, und bat Ben zu sagen, was er zu sagen hatte. „Es ist doch so“, begann dieser „dass unser werter Herr Bischof vor kurzem noch heikle Aussagen über Homosexuelle gemacht hat. Sünde und so. Man konnte es in allen Zeitungen lesen. Ein Mann seines Ranges hat also ganz viele Menschen, die es ohnehin nicht leicht haben, in eine verdammt blöde Position gebracht. Und jetzt sitze ich hier, im Religionsunterricht, und höre mir von Ihnen an, dass die Kirche allen ihren Schäfchen Zuflucht bietet. Bla, bla, bla!“ „Ich glaube, das, was unser Bischof gesagt hat, und wie Sie dies nun auslegen, hat nichts mehr mit unserem Thema zu tun.“, meinte der Pfarrer und wollte sich dem Lehrbuch wieder zuwenden. „Mich kotzt das sowas von an!“, raunte Ben. Ich hörte erstes Flüstern durch die Klasse gehen. Solch eine Szene hatte sich uns noch nie geboten. Tatsächlich hatte Ben da ein ganz aktuelles Thema aufgegriffen. Der Bischof hatte sich kürzlich bei einer offenen Debatte sehr kritisch und beinahe provokativ konservativ zu Homosexuellen geäußert. Das hatte einen medialen Aufschrei verursacht und nun debattierten sich in jeder zweiten TV-Sendung die Leute darüber, ob das alles so gerecht wäre, was die Kirche tun könnte, müsste und so weiter und so fort…  „Ben, erst einmal: nicht in diesem Ton. Und zweitens: ich werde mit Ihnen jetzt keine Diskussionen über etwas, das keiner Diskussion bedarf, beginnen.“, sagte der Pfarrer. „Was heißt hier ‚das keiner Diskussion bedarf‘! Äußern Sie sich doch mal, ich will es hören – ist Homosexualität eine Sünde?“, sprach Ben recht laut. In der Klasse hätte man eine Stecknadel fallen hören können. „Mein lieber, Sie verhalten sich ganz schön frech. Ich an ihrer Stelle würde mich lieber um meine Note sorgen, als um irgendwelche Perverse.“ „Perverse?!“ Man konnte dem Blick des Pfarrers ansehen, wie er gerade realisierte, dass er sich ein Eigentor geschossen hatte. Das Flüstern in der Klasse wurde lauter. „Ähm, also pervers in dem Sinne, dass solche Menschen offenbar Sodomie betreiben, was nicht der ursprüngliche Gedanke der Sexualität ist…“, versuchte er sich irgendwie raus zu reden, doch es war zu spät. Ben war außer sich: „Und Sie wollen uns irgendetwas lehren! Sie leben doch noch im Mittelalter! Verdammt, ich habe schon viel zu lange meine Zeit hier verschwendet.“  Er packte seine Jacke und Tasche und stürzte aus dem Klassenraum. Die Tür knallte ins Schloss. „Wow…“ durchbrach Julian, der Quatschkopf dieses Kurses, die Stille im Raum. „…Das war dramatisch.“ Damit gewann er ein paar Lacher, sogar der Pfarrer rang sich ein Lächeln ab. „Gut, wenn noch jemand das Bedürfnis verspürt, diesen Raum zu verlassen, der tue sich keinen Zwang an.“, sagte er und blickte prüfend in die Runde.

Ich weiß nicht, was mich überkam – das heißt, ich weiß es schon, aber überstürzte Aktionen sind eigentlich gar nicht mein Ding – doch in Sekundenschnelle packte auch ich meine Sachen. „Jessi?!“, zischte die entsetzte Gina mir noch zu, doch jetzt gab es eh keine Chance mehr, es sich anders zu überlegen. Mit starrem Blick auf die Tür verließ auch ich den Klassenraum. Unmittelbar nachdem ich die Tür hinter mir zuschlagen hörte, überkam mich das schlechte Gewissen. Kurze Zeit stand ich unschlüssig auf dem Flur. Konnte ich jetzt wieder rein gehen? Nein, das sähe total schwach aus. Andererseits – wie sollte ich denn jetzt je wieder zu Reli gehen?! Der Pfarrer musste mich jetzt hassen! Mich, die ich eigentlich immer eine seiner Lieblinge gewesen bin, da meine Eltern sehr aktiv in der Gemeinde tätig sind. „Scheiße.“, entfuhr es mir.

Ich atmete ein paar Mal tief durch und besann mich auf den Impuls, der mich überhaupt die Klasse hatte verlassen lassen – mit Ben sprechen wollen. So machte ich auf den Weg durch die Schule und suchte Ben in jeder Ecke, bis ich ihn schließlich rauchend auf dem Schulhof traf. Er bemerkte mich und schaute mich verdutzt an. „Die Stunde geht noch 20 Minuten.“, meinte er. „Der Kampmann hat gefragt, ob noch jemand den Raum verlassen wolle. Da bin ich gegangen.“, erzählte ich und wurde schrecklich nervös. Ben musterte mich: „Und warum bist du gegangen?“ Ja, wie sollte ich das jetzt nur erklären. Wie sollte ich auf einmal etwas aussprechen, das ich immer konsequent verschwiegen hatte. „Ich hatte das Gefühl, dass du Recht hattest.“ Eine kurze, unangenehme Stille trat ein und ich konnte mir denken, was ihm jetzt durch den Kopf ging. „Weißt du“, sagte er „ich habe mich da vielleicht ein bisschen zu sehr aufgeregt. Ich hätte cooler bleiben sollen. Aber die Sache ist… es betrifft mich eben.“ Soweit hatte ich auch schon geschlussfolgert: Bens Erscheinungsbild, das Nichteingehen auf weibliche Flirtversuche, der Ausraster von vorhin… „Nur“, sprach er weiter „Ich hätte jetzt nicht erwartet, dass du… irgendwie…“ Mein Herz klopfte wie wild, aber es gibt Momente im Leben, da gibt es kein Zurück mehr. Ich nickte. „Ich fürchte, mir geht es da wie dir.“ Auf einmal fühlte sich die ganze Situation surreal für mich an. Da verschwiegt man manches eine Ewigkeit, verleugnet es vor seinen besten Freunden, seinen Eltern und manchmal auch sich selbst – und dann kommt da so ein beinahe fremder Mensch daher, und plötzlich ist man sein größtes Geheimnis los. Ben lachte leise: „Wie komisch, du bist doch die Oberkatholikin.“  „Nur weil meine Eltern so sind, heißt das nicht, dass ich auch so bin…“ Er nickte und schmiss seine Zigarette weg. „Tja, nur was jetzt. Ich kann da nicht mehr hingehen. Ich weiß nicht, wie es um dich steht.“ „Willst du gar nicht mehr zu Reli gehen?“ „Nein. Ich brauch sowas nicht.“ Keine Ahnung, wie man so rigoros sein konnte. Immerhin stand das Abi bald an, da hatte ich wenig Interesse daran, mir irgendwo noch eine 5 abzuholen. „Es ist so bescheuert, weißt du!“, sagte Ben kopfschüttelnd. „Ich war jetzt bald ein Jahr mit einem Typ zusammen. Es lief ziemlich gut, ich meine dafür, dass wir uns ständig verstecken mussten. Er ist in der Sache nämlich nicht sehr selbstbewusst. Und sein Elternhaus noch weniger. Naja. Dann kam dieser Schwachsinn vom Bischof und da hat er sich von mir getrennt.“ „Was? Echt? Das ist aber heftig.“ „Ich kann es auch immer noch nicht kapieren. Er meinte, er könne das nicht leben, er würde zu oft denken, dass es falsch ist. Ich kapier es nicht. Echt nicht.“ Betretenes Schweigen. „Mir wurde eben, während du dich mit dem Kampmann gefetzt hast, plötzlich klar, dass es solche Sachen sind, die mich daran hindern, mich zu outen. Dieses Unverständnis.“ „Ja, ja genau – und dann steht so ein Oberarsch vor einer ganzen Klasse und predigt jungen Leuten, dass der Bischof quasi Recht mit so diskriminierenden Aussagen hat! Ein paar Minuten vorher hieß es noch, die Kirche sei für alle da. Zum Kotzen!“ „Was will man machen.“ „Hm. Boykottieren. Ich finde mich da eh nicht wieder, in der Religionssache, weißt du. Also warum muss ich das mitmachen? Naja, und du solltest auf jeden Fall was in Sachen Outing tun. In der Klasse können sich das wahrscheinlich jetzt schon einige denken. Auch wenn mich das immer noch total überrascht. Aber trotzdem: fall jetzt nicht zurück in dein Verschweigen.“ „Du bist der Erste, der davon weiß. Meinen Eltern kann ich das niemals sagen.“ Die Schulglocke klingelte. Die Anderen würden nun jede Minute aus der Schule strömen.  „Wie wäre es, wenn du mal heute Abend mit mir kommst. Ich kenne da noch ein paar andere Homos.“, sagte Ben grinsend. Huch, was ging das alles schnell. „Äh.. OK.“, willigte ich ein. Wir tauschten Handynummern aus. „Ich hau dann mal ab. Ich melde mich später.“, sagte er noch und verließ den Schulhof.

Keine zwei Sekunden später stand Gina bei mir. „Boah Jessi. Was eine dämliche Aktion von dir!“, sagte sie kopfschüttelnd und mit wütendem Blick. „Nur weil der Emo mit dem Leben nicht klarkommt, musst du dir doch nicht deine gute Note verbauen!“ „Gina, sorry, aber ich wäre jetzt lieber allein.“ Ich drehte mich weg und machte mich auf den Weg nach Hause. In mir war großes Chaos. Lange hatte ich schon überlegt, irgendwelche Schritte zu unternehmen, um meinesgleichen zu finden. Es konnte nicht ewig so weitergehen – nach außen hin mit meinen Freundinnen über Typen quatschen, meinen Eltern das brave Mädchen sein und innerlich mich nach etwas ganz anderem sehnen. Nach etwas… verbotenen. Aber eigentlich bloß nach Liebe. Ach, bescheuert. Auch, dass ich jetzt mit Ben losziehen wollte. Hätte man mir das einen Tag vorher erzählt, ich hätte mich kaputt gelacht! Aber plötzlich war alles anders.

Tatsächlich meldete Ben sich noch an diesem Nachmittag und schlug vor, mich zu Hause abzuholen. Dann wollten wir uns in einem Jugendtreff mit einigen anderen Schwulen und auch Lesben treffen. Meinen Eltern wollte ich natürlich nichts von meinem Vorhaben erzählen, ihnen sagte ich, ich würde mit Gina ins Kino gehen. Eine Viertelstunde bevor Ben mich abholen wollte, stellte ich mich vor unser Haus und wartete. Ich war davon überzeugt, dass meine Eltern nichts bemerken würden. Heute könnte ich mich noch über meine Dummheit aufregen – denn auf einmal kam mein Vater heraus. Er wollte den Müll rausbringen. „Ist Gina zu spät?“, meinte er, schmiss den Müll in die Tonne und gesellte sich zu mir. „Ach! Nee! Die müsste bald da sein!“, sagte ich total überzogen und erschrak fürchterlich, als ich Ben um die Ecke biegen sah. Auf einmal wurde mir klar, dass mein Vater ihn sehen würde, dass ihm klarwerden würde, dass das nicht Gina ist und überhaupt – meinem Vater waren dunkle Gestalten wie Ben eher suspekt. Bevor ich mir irgendetwas hätte einfallen lassen können, bemerkte mein Vater den jungen Mann, der auf unser Grundstück trat. „Kennst du den?“, meinte er im flüsternden Ton, doch Ben grüßte mich und damit war die Frage beantwortet. „Hi.“, sagte ich mit erzwungener Ruhe. Es trat eine kurze Stille ein, die mir fürchterlich unangenehm war, denn ich wusste, dass meinem Vater jetzt eine Reihe von Fragen durch den Kopf schossen, die ich später zu beantworten hätte. „Ähm, lass uns dann mal … zum Bus gehen! Und… bei Gina nachfragen wo sie bleibt!“, sagte ich zu Ben, der mich verunsichert musterte, aber dann zustimmend nickte. Ich japste meinem Vater ein „Ciao“ zu und ging schnellen Schrittes weg. Als wir außer Hörweite waren fragte Ben, ob ich meinen Eltern eine Lügengeschichte aufgetischt hatte. „Ja, was sollte ich denn machen… Das war jetzt total blöd und inkonsequent, aber egal…“ „Dein Vater sah nicht sehr begeistert aus. Ich glaube, der mag mich nicht.“ „Und wenn schon. Ich muss nur gucken, was ich erzähle, wenn ich nach Hause komme…“

Wir fuhren bis in die Innenstadt, durchquerten ein paar Gassen und standen schließlich vor einem äußerlich eher heruntergekommen Jugendtreff namens „Woanders“. „So, die sind alle sehr cool, sei einfach offen.“, meinte Ben noch zu mir und stieß schon die Tür auf. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Wir betraten einen ziemlich verrauchten Raum. Er war recht gemütlich eingerichtet, mit Sofas, einem Kicker-Tisch und von irgendwoher ertönte Musik. Doch natürlich interessierten mich zunächst die Leute, die sich dort aufhielten. Zwei Jungs kamen direkt auf Ben zu, sie begrüßten sich herzlich und dann stellte Ben mich vor: „Das hier ist Jessica, sie ist ungeoutet und hat noch nie so viele Schwuchteln auf einem Haufen erlebt.“ Ein blonder Typ mit etwas längerem Haar grinste mich an: „Ich hoffe, dir ist klar, worauf du dich hier einlässt!“ „Nee, eigentlich ist mir das nicht ganz klar…“, sagte ich ehrlicherweise mit verlegenem Lächeln. „Das wird schon. Ich bin übrigens Juli, das hier ist Piet.“, sagte er weiter und drückte dem Jungen neben sich einen Kuss auf die Wange. Ich folgte Ben weiter in den Raum und erblickte noch drei Jungs und ein Mädchen. Ben zählte mir der Reihe nach ihre Namen auf: „Hier haben wir Micha, Karsten, Mella und Laura.“ Da wurde mir klar, dass einer der Jungs gar kein Junge war. Ich stellte mich schüchtern vor und kam nicht drum rum, leicht zu erröten. In den nächsten Augenblicken kam ich mir sehr seltsam und auch irgendwie fehl am Platz vor, doch dann bot mir einer der Jungs, ich glaube Micha war es, ein Bier an und von da an stieg meine Laune von Minute zu Minute. Es gelang mir sogar, erste kleine Gespräche zu führen. So erzählte mir Mella, die aussah wie ein Junge, dass sie schon seit Jahren out ist und gar nicht verstehen konnte, wie ich so lange damit warten konnte. „Ich möchte das am liebsten erst wirklich offen sagen, wenn ich schon eine Freundin habe… Dann wären scheiß Reaktionen nicht mehr ganz so schlimm … Glaube ich…“ „Aber wie willst du eine Freundin finden, wenn du nicht offen zeigst, dass du eine willst?!“, fragte Laura dann. „Ja. Gute Frage…“, sagte ich und schaute verlegen zu Boden. Im Vergleich zu den ganzen selbstbewussten Leuten hier war ich eine ganz schön dürftige Erscheinung. Ich merkte, dass Laura mich abschätzend ansah, aber ich brachte es nicht über mich, ihr in die Augen zu schauen. Im Vergleich zu Mella war sie nicht so jungenhaft, allerdings hatte auch sie einen eher sportlichen Stil, war nicht sehr geschminkt, wenn überhaupt, und ich merkte recht schnell, dass sie mir gefiel. Allerdings gefiel mir diese Erkenntnis nicht. „Ich hol mir noch ein Bier.“, meinte ich und sprang auf. Oh je, was war nur los? Es musste der Alkohol sein. Den restlichen Abend unterhielt ich mich mehr mit den Jungs als den beiden Mädels. Aus der Ferne versuchte ich zu erkennen, ob die beiden vielleicht ein Paar waren, allerdings kam ich zu keinem Ergebnis. Sie tauschten keinerlei zärtliche Gesten aus, allerdings hingen sie die ganze Zeit beieinander. Manchmal schaute Laura zu mir hinüber – aber ich dummes Ding wich dem Blick immer wieder aus.

„Na, dann erzähl mal. Wie war dein erster Abend mit uns?“, fragte mich Ben auf dem nach Hause Weg. Ich hatte ein wenig Mühe gerade zu laufen (hatte wohl zu oft neues Bier geholt) und hickste ein: „War echt toll!“ „Wir freuen uns immer, wenn wir ein paar Neue kriegen. Vor allem die Mädels freuen sich natürlich über ein weiteres Mädchen.“ „Ja, sind ja nur zwei. Komisch! Wie kommt das!“ „Naja, ich tippe mal, es gibt noch ganz viele andere, die so wie du drauf sind. Also sich nicht outen, sich nicht trauen…“ Ben brachte mich noch bis vor die Haustür. „Mensch, Ben, du bist ein schwuler Gentleman!“, kicherte ich. „Und du bist besoffen!“, meinte er dazu und umarmte mich zum Abschied. „Wir sehen uns in der Schule!“, rief ich ihm noch nach, dann betrat ich das Haus. Komischerweise war noch Licht an. Ich lief ins Wohnzimmer, um das Licht auszumachen und fand dort meine Eltern auf dem Sofa sitzend. Mir war sofort klar, dass jetzt nichts Gutes folgen würde. Mein Vater schaute mich streng an und sagte: „Warum ist Gina nicht mit ins Kino gegangen?“ Einen Moment lang verstand ich überhaupt nicht, was er von mir wollte. Dann erinnerte ich mich an mein Lügengerüst und spielte die Dumme: „Was? Sie war doch da. Wir haben sie am Kino getroffen!“ „Warum lügst du uns an?“, sagte meine Mutter darauf. „Gina hat hier angerufen. Sie wusste nichts vom Kino.“ Rumms, mein Lügengerüst war in sich zusammengefallen. Mir fiel keine rettende Notlüge ein und so sagte ich bloß: „Oh.“
Mein Vater stand auf und lief im Wohnzimmer auf und ab. Plötzlich blieb er vor mir stehen, sah mich vorwurfsvoll an und bemerkte: „Jessi, du hast eine Fahne!“ Irgendwie musste ich kichern, was nicht gut ankam und so riss ich mich zusammen. Nun stand auch meine Mutter auf. „Dein Vater hat mir von dem jungen Mann erzählt, mit dem du weggegangen bist. Schatz, du kannst uns doch sagen, wenn du einen Freund hast!“ „Was?“, fiel mir dazu nur ein, so perplex war ich über ihre Annahme, Ben könnte mein Freund sein! „Ja, ist sicher nicht ganz der Typ, den wir uns für dich gewünscht hätten, das kannst du dir ja denken. Aber du bist mittlerweile alt genug.“, sagte mein Vater. „Wir wollen nur, dass du weißt, dass du sowas vor uns nicht geheim halten musst!“ In meinem Kopf spukten tausend Sätze herum, die eine andere Erklärung für meine Verabredung mit Ben geboten hätten, aber ich konnte nicht einen davon aussprechen. „Ach Schatz!“, sagte meine Mutter und nahm mich in den Arm. „Wir waren doch alle einmal jung!“ „Ich möchte gerne ins Bett gehen.“, brachte ich hervor. Meine Mutter nickte und lächelte zugleich mit einem seltsam verständnisvollen Blick, den ich sonst selten bei ihr gesehen hatte. Ihr gefiel das. Ihr gefiel, dass ich jetzt angeblicher Weise zum ersten Mal einen Freund hatte. Mein Vater dagegen stand mit verschränkten Armen da. „Pass mal auf“, meinte er „Du bringst den Kerl mal hier zum Essen her. Ich möchte mir den mal genau angucken.“ „Ach, Papa, nee, wirklich – also…“ „Doch, doch. Mensch, sei doch froh, dass ich so einem Punker eine Chance geben möchte.“ Meine Mutter lächelte selig. Oh Gott. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Und so sagte gar nichts mehr dazu, ging schnurstracks nach oben in mein Zimmer und hoffte in meinem besoffenen Zustand, dass meine Eltern am nächsten Morgen alles vergessen haben würden.

Falsch gedacht, natürlich. Direkt am nächsten Morgen wurde ich Opfer einer neugierigen Verhörattacke meiner Mutter. Wie jeden Samstag saßen wir gemeinsam am Frühstückstisch, ich hatte aber nur wenig Appetit. Mein Magen war noch immer aufgewühlt. „Also, Jessi, seit wann geht denn das mit euch?“ „Nicht so lange.“ „Und woher kennt ihr euch?“ „Aus der Schule.“ „Geht er in die Kirche?“ „Ich… ähm, glaube nicht.“ Sofort fing ich einen strengen Blick von meinem Vater ein. Für meine Eltern stand das Gemeindeleben rund um die Kirche hoch im Kurs. Mein Vater sang im Herrenchor, meine Mutter engagierte sich leidenschaftlich bei Pfarrfesten und war regelmäßig Katechetin für Kommunionskinder. Mich hatten sie seinerzeit zu den Messdienern gepackt. Zwar fand auch ich mich, wie Ben es so schön ausgedrückt hatte, in der ganzen Religionssache nicht wieder, aber es lag mir auch nicht, meine Eltern für ihr Engagement zu schelten. Allerdings ging mir der Wahn durchaus mal auf den Nerv. „Papa, wer geht denn schon noch zur Kirche?! Meine Güte. Und wenn man dann so einen Bischof hört, der sich nicht gerade sehr tolerant und sympathisch darstellt, dann sollte man sich darüber auch nicht wundern!“  „Vielleicht war das keine geschickte Werbung vom Bischof, aber die Kirche muss uns auch mal an das Wesentliche erinnern.“, meinte mein Vater. Da war es wieder. Mein Vater hielt es für wesentlich, Homosexuelle als Sünder zu bezeichnen. Ich konnte nichts dazu sagen. Auf einmal fühlte ich wieder einen dicken Kloß in meinem Hals, ganz viel Unausgesprochenes, ganz viel Aufgestautes… Aber so ging das nicht. So würde ich niemals etwas sagen können.

In diesem Moment klingelte es an der Tür. Meine Mutter stand auf, öffnete und kurze Zeit später rief sie nach mir. Vor der Tür stand Ben. Scheiße! „Ich habe dein Handy in meiner Jackentasche gefunden! Wusste gar nicht, dass du es darein gepackt hattest.“, meinte er und reichte mir mein Handy. „Ich hab gar nicht bemerkt, dass es weg war! Also danke, echt! Bis dann!“, und schon wollte ich die Tür zuhauen, doch da stand mein Vater plötzlich neben mir. „Guten Tag.“, sagte er zu Ben und reichte ihm die Hand. Der verdutzte Ben gab ihm seine und warf mir einen fragenden Blick zu. „Ich würde Sie gerne etwas besser kennenlernen.“, sagte mein Vater. Mein Herz rutschte mir in die Hose – das war ja alles so fürchterlich! „Hätten Sie heute Abend Zeit, wir laden Sie hier zum Essen ein.“ Der arme, arme Ben. Er hatte keine Ahnung was los war, doch der Anstand zwang ihn dazu zuzusagen. Es waren Sekunden des Horrors. Dann schloss sich die Tür und ich stand wieder alleine mit meinen Eltern da. Mein Vater klopfte mir aufmunternd auf die Schulter, meine Mutter gab mir wieder dieses zufriedene Lächeln – und ich fühlte mich elend, feige, verlogen und verloren.

Ich rief Ben an und erklärte ihm die Situation. Es war mir unglaublich peinlich, doch Ben gab sich relativ verständnisvoll. Nur wollte er mich nicht in dieser Verlogenheit unterstützen. „Ben, echt, ich will es ihnen ja sagen, aber das geht so nicht!“ „Den perfekten Moment wird es nie geben. Tu es einfach!“ „Du weißt nicht, wie sie sind. Das würde ihre Welt zerstören! Ich sehe meiner Mutter richtig an, dass sie immer auf den Tag gewartet, an dem ich endlich einen Freund mitbringe!“ „Und was erwartest du jetzt von mir? Dass ich heute Abend zu euch komme und das Spielchen mitspiele?“ „Ich weiß, das ist eigentlich unzumutbar. Es tut mir auch total Leid, aber ich bitte dich… So gewinne ich wenigstens etwas Zeit! Ich habe doch gestern erst angefangen, überhaupt an meiner Situation etwas zu ändern!“ „Naja, bei deinen Eltern machst du gerade eher tausend Schritte zurück. Aber pass auf: Mein Vorschlag an dich ist, dass ich heute Abend komme, und von mir aus auch erst einmal mitmache – aber dann wirst du klartisch machen. Und ich stehe dir dabei unterstützend zur Seite.“ Ich wog seinen Vorschlag sorgfältig ab. Es wäre schon gut, wenn ich mich der Predigt über Sünde nicht ganz allein stellen müsste. Aber ich könnte den Moment der Wahrheit auch einfach so lange heraus zögern, bis das Essen beendet ist und Ben nach Hause geht. „Aber ey,“ sagte Ben „Komm nicht auf die Idee, es zu lange hinaus zu zögern. Dann rede ich nämlich Klartext mit deinen Eltern.“ Naja Ok, dann musste es wohl so sein. „Gut, Ben, abgemacht. Das wird ganz furchtbar, ich bin mir sicher.“

Ben war um kurz vor Sieben bei uns. Meine Mutter hatte Stunden in der Küche verbracht und ein echt wunderbar riechendes Gulasch gezaubert. Es tat mir furchtbar weh, sie so bemüht zu sehen, und zugleich zu wissen, dass ich ihre heile Welt in Kürze zertrümmern würde. Ben sah richtig adrett aus. Er trug ein schickes Hemd und schien sich sogar die Haare gekämmt zu haben. Als wir uns an den Tisch setzten zwinkerte er mir aufmunternd zu, doch es half nicht. Ich war unendlich nervös und fürchtete, keinen Bissen des zweifelsohne leckeren Essens runter zu kriegen. „So, Ben, erzählen Sie mal. Wie lange haben Sie sich um meine Tochter bemühen müssen?“, begann mein Vater das grauenvolle Gespräch. Ben warf mir einen unsicheren Blick zu und ich sprang für ihn ein: „Ach, das ging alles ganz schnell!“ „Eigentlich haben wir es einer Religionsstunde zu verdanken. Das Thema war so brisant, danach kamen wir ins Gespräch.“, sagte Ben und schaute mich auffordernd an. „Ach, Religion, interessieren Sie sich dafür?“, sagte meine Mutter und strahlte Ben förmlich an. „Ach… Ja, doch. Allerdings habe ich es nun abgewählt.“ „So? Darf ich fragen wieso?“, schaltete mein Vater sich wieder ein. Mir blieb ein Bissen im Halse stecken und ich musste stark husten. Leider nutzte Ben den Moment nicht, um sich eine geschickte Antwort einfallen zu lassen. Er sagte: „Unüberbrückbare Differenzen mit der Lehre und der Lehrkraft.“ „Differenzen mit Pfarrer Kampmann? Dabei ist er so ein kompetenter Mann.“, sagte mein Vater. Ich wusste, dass Ben gerade volle Kanne bei ihm durchrasselte. „Ben hatte da ganz persönliche, private Probleme…“, versuchte ich auf das Thema einen Deckel zu drücken, aber Ben spielte nicht mit. „Und Ihre Tochter hat mich dabei unterstützt.“ Wieder zwinkerte er mir zu und ich sah, wie mein Vater skeptisch die Stirn runzelte. „Noch einen Schluck Wein?“, meldete meine Mutter sich mal wieder. Es trat ein gefräßiges Schweigen ein. In der Zeit versuchte ich Krampfhaft meinen Puls zu beruhigen und mir ein Thema auszudenken, das keinerlei Angriffsflächen bieten könnte. Es gelang mir nicht. Die ganze Situation war eine tickende Zeitbombe und Ben wollte, dass sie hochging. Ich dagegen konnte mir nichts Schlimmeres vorstellen. „Ach, Jessi, ich habe gehört, dass Laura dich ganz gerne wiedersehen würde.“, meinte Ben auf einmal und eine schreckliche Hitze stieg mir zu Kopf. Er fuhr den Karren direkt vor die Wand, er hatte es darauf angelegt! „Cool.“, krächzte ich und starrte auf meinen Teller. Meine Eltern tauschten Blicke aus. Ich hörte Ben seufzen, dann trat er mir unterm Tisch gegens Bein. Es reicht. „Ben, lass uns einmal kurz rausgehen. Entschuldigt uns.“, sagte ich und verließ das Wohnzimmer. Auf dem Flur gesellte Ben sich zu mir und guckte mich neugierig an. „Das geht so nicht, du machst mir total den Druck!“, sagte ich in unterdrückter Lautstärke, denn sonst hätte man uns im Wohnzimmer vielleicht noch hören können. „Ja, nur leider habe ich das Gefühl, dass du sonst nie zur Sache kommst!“ „Spürst du nicht die verklemmte Atmosphäre in diesem Haus? Als könnte ich mal eben so raushauen, dass das alles hier eine große Show ist, du nicht mein Freund bist und ich dazu noch eine verdammte Lesbe bin!“ Mit diesem Satz hatte ich endlich einmal vielem aufgestautem Ärger Luft gemacht. Aber Ben antwortete nicht. Er starrte an mir vorbei. Und ich ahnte Böses. Ich drehte mich um und sah meine Mutter in der Tür stehen. Sie schaute uns mit nicht definierbarem Gesichtsausdruck an. „Mama…“, war alles, was ich hervorbringen konnte. Sie schien angestrengt nachzudenken. Dann sagte sie: „Ist das… wahr?“

Ben und ich saßen nebeneinander auf dem Sofa im Wohnzimmer. Mein Vater marschierte mit verschränkten Armen vor uns auf und ab, meine Mutter saß am Esstisch und goss sich Wein nach. „Also du denkst, du bist schwul und jetzt denkst du, du wärst lesbisch?“, sagte mein Vater und blieb endlich stehen. „Ich denke nicht nur, dass ich schwul bin, ich bin es auch.“, antwortete Ben. Ich starrte stumm vor mich hin. Jetzt saß ich auf der Anklagebank, es war so weit gekommen. „Hat er dir diesen Floh ins Ohr gesetzt, Jessica?“, versuchte mein Vater mich zum Reden zu animieren. Ich seufzte. „Papa, Ben und ich reden eigentlich erst seit gestern. Also nein, er hat mir keinen Floh ins Ohr gesetzt…“ „Und woher kommt dann dein neues lesbisch sein?“ „Das ist nicht neu. Ich habe nur nichts gesagt.“ „Aber du siehst gar nicht aus wie eine Lesbe!“ Ich verdrehte die Augen. Mein Vater schüttelte den Kopf, dann sah er Ben eindringlich an. „Jetzt verstehe ich auch, warum du Religion geschmissen hast!“ Ben nickte nur. Er tat mir so leid. In was für eine doofe Situation er hier geraten war! „Und du hast ihn unterstützt? Wie darf ich mir das vorstellen?“, meinte Vater nun zu mir. „Ich habe den Raum verlassen.“ „Wieso?“ „Weil der Kampmann völlig blöde Sachen gesagt hat. Warum soll ich mich mit etwas abgeben, das mich diskriminiert?“ Mein Vater ließ ein ungläubiges Lachen von sich. „Ja, was soll ich dazu noch sagen. Ihr seid noch so jung, ihr wisst gar nicht, was ihr da macht. Ihr wisst gar nicht, was im Leben noch auf euch zu kommt!“ „Herr Brandt…“, meldete Ben sich wieder zu Wort, „Ich weiß, das kommt alles sehr plötzlich für Sie. Es geht hier um Ihre Tochter, ich weiß, ich weiß. Aber das hat nichts mit Ihnen zu tun oder mit Religion. Es geht hier um Jessi, und was sie fühlt. Was sie glücklich macht. Und es geht darum, dass sie sich vorher nicht getraut hat, mit Ihnen darüber zu reden.“ „Genau das macht mich traurig.“, meldete meine Mutter sich einmal zu Wort. Oh je. Ich wollte irgendwas sagen, aber wie so oft fehlten mir die passenden Worte. Dennoch musste ich es versuchen. „Mama, Papa, es tut mir leid, wie das jetzt alles gekommen ist. Es ist, wie es ist – ich bin lesbisch. Ich konnte es euch und auch meinen Freunden nicht sagen, weil ich Angst hatte, eure Welt zu zerstören. Ich meine, ihr glaubt, was ihr glaubt und ich liebe euch und … Ach, scheiße.“ Meine Mutter kam zu mir herüber und nahm mich in den Arm. Ich war ihr sehr dankbar dafür. Mein Vater schien allerdings immer noch nicht zufrieden. „Und Reli? Entschuldigt ihr euch beim Kampmann?“ „Entschuldigt er sich bei uns?“, meinte Ben dazu.

Natürlich ließ sich mein Vater nicht so abspeisen.  Letztlich setzte er durch, dass ich noch einmal ein Gespräch mit Herrn Kampmann suchen musste. Ich sollte allgemein, aber auch insbesondere für mich, klären, ob ich wirklich nicht mehr zu seinem Unterricht kommen könnte. Ben begleitete mich. Pfarrer Kampmann war sich prinzipiell keiner Schuld bewusst. Er räumte ein, eine unglückliche Wortwahl getroffen zu haben, aber ansonsten sei Bens Verhalten einfach inakzeptabel gewesen. „Vielleicht habe ich überzogen reagiert, aber wirklich, Herr Kampmann, Sie würden sich auch angegriffen fühlen, würden Sie als perverser bezeichnet werden.“ „Das wollte ich so nicht…“ „Wie dem auch sei, ich habe nicht vor, den Religionsunterricht weiter zu besuchen. Geben Sie mir eine 5, macht nichts.“ „Ist das jetzt nicht auch wieder etwas übertrieben? Warum denn gleich die ganze Religion verstoßen?“ Da lächelte Ben, zuckte mit den Schultern und meinte: „Ohne Reli küsst sich’s besser.“ Ich kicherte, der Pfarrer reagierte bloß mit Kopfschütteln.

Schaue ich jetzt auf diese zwei Tage in meinem Leben, an welchen alles aufgedeckt und alles verändert wurde – so bin ich verdammt froh darüber, dass es so gekommen ist. Es war mein Glück, dass Ben sich in diesem einen Augenblick so aufgeregt hat. Es war wichtig, dass ich nicht wie gewöhnlich reaktionslos sitzen geblieben bin. Es war Schicksal, dass Ben mein bester Freund geworden ist. Meine Eltern üben sich immer noch im Akzeptieren. Ich sehe beiden an, dass es ihnen immer wieder schwer fällt, locker damit umzugehen, wenn ich meine Freundin mit ins Haus bringe. Aber sie strengen sich an, und das tun sie, weil sie mich lieben. Darauf kommt es an.

Was Religion angeht, so ist Ben wirklich nicht mehr zu Reli erschienen, ich dagegen schon. Mein grundlegendes Interesse an Ethik wollte ich nicht zurückschieben, nur weil die Lehrperson ein Idiot war. Idioten gibt es überall, damit muss man klarkommen, gerade wenn man irgendwie anders ist. Ich bin irgendwie anders. Aber das sind andere auch. Bist du Deutscher, bist du Asiat, bist du hetero, bist du bi, bist du lesbisch – was soll denn das? Ob Christ oder Muslim oder Buddhist oder einfach gar nichts – alles ganz egal! Wichtig ist es, dass man auf sich schaut und erkennt, was einem persönlich wichtig ist; und dass man Leute hat, die einem zur Seite stehen und die bereit sind, einen zu nehmen, wie man ist. So anders, wie man eben ist.

Denn dann kann jeder – und das ist, was zählt –  einfach zu sich stehen.