2. Oktober 2011
In der heißen Phase meines inneren Coming Outs, kurz vor dem endgültigen Moment des Durchbruchs (an den ich mich tatsächlich erinnern kann – ich saß in meinem Zimmer, sah aus dem Fenster und stellte nach Jahren des Grübelns und Verzweifelns einfach fest: „Wow, es ist so eindeutig. Ich bin lesbisch.“) … in jener Phase kurz vor dieser Erleuchtung war von großem Wert für mich, mich an meine Kindheit zu erinnern. Denn verblüfft stellte ich dabei fest, dass ich meine grundlegenden lesbischen Tendenzen schon damals in mir trug; und dass es lächerlich wurde, dies weiter zu leugnen.
Bis heute weiß ja niemand so genau, wo Homosexualität herkommt. Keiner kann sagen, ob sich die sexuelle Orientierung schon vor der Geburt festlegt, oder in früher Kindheit, oder während der Pubertät. Oder in wie fern sich das überhaupt richtig festlegt?
Einerseits interessiert mich das; ich meine, wir Menschen wollen ja schon seit Anbeginn der Zeit rausfinden woher und wieso alles ist, wie es ist. Und als homosexueller Mensch ist es eine naheliegende Frage, wieso ausgerechnet man selbst so ist… und die meisten anderen nicht.
Andererseits bin ich aber auch froh, dass es niemand sagen kann. Hätte man den Ursprung der Homosexualität gefunden, kämen die ersten Idioten sicher auf Ideen, wie man sie verhindern könnte. Und gäbe es die Möglichkeit, Homosexualität auf irgendeine Weise „auszuschalten“ – dann würde Sexualität nachher zur Entscheidungssache werden und oh je… Nein, was da für Debatten folgen würden, ich möchte es gar nicht erleben.
In meinem Fall kann ich nur sagen, dass meine Orientierung entweder schon immer in mir war, oder sich zumindest in früher Kindheit gebildet hat. Wieso auch immer.
Schon im Kindergarten war ich in meine beste Freundin verliebt und fand furchtbar ungerecht, dass ihr Nachbarsjunge behauptete, er würde später „mit ihr heiraten“. Schon da spürte ich so ein … fieses Gefühl der Benachteiligung. Zwar waren wir beste Freundinnen, spielten die tollsten Spiele und der Nachbarsjunge hatte längst nicht so viel mit ihr gemein – aber Heiraten, tja, da konnte nur er von träumen. Wie ungerecht.
So kritzelte ich ihr weiter mühsam meine Liebesbriefchen und schickte sie nie ab.
Mir war irgendwie klar, dass da was falsch war – mit mir. Deswegen blieben die Briefchen in einer Kiste versteckt. Einmal fragte ich meine Oma, ob das denn sein könnte, dass man sich in seine beste Freundin verliebt. „Ja, als Kind, da kann das schon sein.“, sagte sie. Ok. Ich war ja nur ein Kind. Dann ist es ja nicht so schlimm.
Über die Sendung „Marienhof“ (da gab es mal das Pärchen Billi und Andrea) schnappte ich den Begriff „lesbisch“ auf… und fragte prompt meinen nur ein paar Jahre älteren Cousin, ob es sein könnte, dass ich einmal lesbisch werde. „Weiß ich nicht.“, sagte er. Ok. Dann heißt das alles wohl noch nichts. In meinen verschwommenen Zukunftsideen sah ich mich natürlich in einer klischeemäßigen Familie als Ehefrau mit Mann und Kindern. Ja ja. So wird das schon werden. Dachte ich, hoffte ich
Zu Grundschulzeiten wurde ich meinen Gefühlen gegenüber verschlossener. Ich begann für weibliche Popsternchen zu schwärmen, liebte sie heiß und innig – aber das war ja normal, das durfte ich. Da konnte ja niemand was gegen sagen. Vor allem auch nicht, weil ich im realen Leben von Zeit zu Zeit beschloss in diesen oder jenen Klassenkameraden „verliebt“ zu sein. Dabei handelte es sich allerdings immer um zutiefst rationale Entscheidungen, je nachdem wer gerade der netteste und beliebteste Junge in der Klasse war.
Auf der weiterführenden Schule legte ich die Gedanken dann komplett zur Seite. Meine kindlichen Gefühle stempelte ich als nichtaussagekräftig ab. Wie unrealistisch war denn bitte, dass ausgerechnet ICH lesbisch werden würde? Ja. Voll unwahrscheinlich.
Heute führe ich ein lesbisches Internetblog. So viel zum Thema.
Welch ungetrübteren Zugang ich zu meinen Neigungen in Kindheitstagen doch hatte. Wie konnte ich jemals angezweifelt haben, dass es so ist, wie es schon immer war? Über die Pubertätsphase hinweg wollte ich es nicht sehen und baute Widerstände mir selbst und meinen Sehnsüchten gegenüber auf, denen ich als Kind noch relativ unbefangen begegnet war. Tatsächlich versuche ich seit meinem inneren Coming Out Stück für Stück wieder zurück zu dieser Unbefangenheit zu finden. Von wegen nur ein Kind! Gefühle sind echt; und ehrlicher als die Gefühle eines Kindes …geht wohl kaum.
Wow, es ist so eindeutig. Ich bin lesbisch.