Der Vater meiner Kinder

Lesbisch sein und eigene Kinder haben wollen. Eigentlich ein Thema, was mich – Gott sei Dank – noch nicht  betrifft. Ich habe mir noch keinerlei ernsthafte Gedanken in Richtung Kinder kriegen gemacht, im Gegensatz zu einigen meiner Freundinnen. Ja, in meinem vagen Zukunftsbild stell ich es mir durchaus schön vor, so eine „richtige“ eigene Familie zu haben. Zu meiner Vorstellung von einem vollkommenen Leben gehört das auch irgendwie einfach dazu. Aber gleichzeitig wird mir bei dem Gedanken auch bange, weil mir klar ist, dass das für einen homosexuellen Menschen absolut keine Selbstverständlichkeit ist – weder der Weg dahin, noch das folgende Leben dann.

Eine Bekannte von mir war immer sehr offen darüber, dass sie unbedingt einmal Kinder haben will. Sie war lesbisch. Überzeugt lesbisch und über Jahre hinweg verankert im lesbischen Kreis dazu. Ende 20 schloss sie ihr Studium ab, die Beziehung zur Freundin ging in die Brüche, sie ging sich selbst finden auf einem Pilgerpfad – und ein neuer Lebensabschnitt begann.

Einen Monat später war sie mit einem Mann zusammen.
Ist es über ein Jahr mittlerweile. Und alle sind sich sicher – die Schwangerschaft wird nicht lange auf sich warten lassen.

Eine individuelle Geschichte, ja, aber man kann sich schon fragen… Hat der Kinderwunsch da vielleicht zur Heterosexualität verholfen?? In einer Situation, die den  Umbruch in das „Erwachsenenleben“ bedeutet, man nun in der Gesellschaft für sich stehen muss und in der man natürlich einen Wunsch nach Sicherheit entwickelt – Ich kann mir vorstellen, dass man da auch mal den leichteren Weg wählt.

Irgendwie finde ich das furchtbar.

Wie gesagt, das ist eine individuelle Geschichte. Ich kenne diese Frau auch viel zu wenig, um mir irgendein Urteil darüber zu erlauben, warum was wie gekommen ist und überhaupt… Aber beim Nachdenken darüber, wurde mir wieder bewusst, was alles an Schwierigkeiten noch auf mich zukommt. Nein, ich kann mir nicht vorstellen plötzlich hetero zu werden — aber, um sich fortzupflanzen (die Option der Adoption blende ich hier mal aus) braucht man schlicht und ergreifend einen Mann!

Meine Freundin hat mir neulich einen alten Freund vorgestellt, einen sportlichen, attraktiven Typen, und meinte dazu: „Ich hab ihm schon gesagt, dass er mal der Vater meiner Kinder sein soll. Er war einverstanden.“ Sie hat das so dahin gesagt, einfach um zu unterstreichen, dass er ein gut aussehender junger Mann ist. Mir hat sich dabei dennoch der Magen umgedreht.

Erstens weil „Er soll der Vater meiner Kinder sein“ ein für mich romantisch beladener Ausdruck ist. Und außerdem – will ich überhaupt, dass das Kind einen „Vater“ hat?! Ok, damit es ein Kind gibt, braucht es einen Vater. Aber ich tendiere da eher zu „Samenspender“ statt „Vater“ — denn will ich denn, dass da Kontakt besteht und eine wirkliche „Vater“-Kind-Beziehung existiert? Eigentlich nicht. Das klingt jetzt vielleicht verpeilt, aber ich will das Kind doch mit meiner Frau großziehen; will ich mir dazu noch einen Mann in die Familie holen?!
In diesem jetzigen Moment denke ich—NEIN! Will ich nicht! Andererseits – kann ich denn einem Kind vorenthalten, was es von Natur aus hat? Das wäre egoistisch in üblem Maße. Braucht ein Kind nicht Mutter UND Vater? … Kann man das beweisen? Kann ich behaupten, dass es nicht so ist? Vielleicht tu ich das ja nur, weil ich lesbisch bin und es nicht ertragen kann, in diesem Punkt unweigerlich und ausweglos vom männlichen Geschlecht abhängig zu sein?!

Das ist alles höchst spekulativ und theoretisch, aber es betrifft Grundsatzfragen und mein Kopf wird ganz wirr davon. Deswegen bin ich SO froh, noch (für mein Empfinden) VIEL zu jung zu sein, mir überhaupt Gedanken über Kinder zu machen. Für den Moment schiebe ich das alles also wieder weg von mir.

Das Dilemma ist nur, dass für jeden irgendwann ein neuer Lebensabschnitt beginnen muss. Was auch immer das bedeuten mag.

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5 Kommentare zu “Der Vater meiner Kinder

  1. Spricht für dich denn irgendwas gegen Adoption?
    Ich bin zwar heterosexuell, halte das aber vom Grundsatz her für eine sehr interessante Möglichkeit, ohne mich bisher ausführlich damit auseinandergesetzt zu haben.

    • Adoption ist durchaus eine Möglichkeit. Wenn es bei mir mal ernst werden sollte mit dem Kinderwunsch, würde ich aber wohl erst die Möglichkeiten „eigene“ Kinder zu bekommen abklopfen.

      • Klar, kann ich auch verstehen. Hätte ja sein können, dass du das ausblenden wolltest, weil du es für dich ausschließt. Ach so, falls dich meine Meinung dazu interessiert:

        Andererseits – kann ich denn einem Kind vorenthalten, was es von Natur aus hat?

        Sehe ich kein Problem mit. Hat es dann ja nicht. Und „Natur“ ist sowieso kein besonders zwingendes Argument, wenn es darum geht, was man für richtig und falsch hält.

        Braucht ein Kind nicht Mutter UND Vater?

        Soweit ich weiß, spricht nichts für diese Annahme, abgesehen von den ständig wiederholten grundlosen Beteuerungen gewisser gesellschaftlicher Gruppen. Ein Kind braucht eine vernünfitge, liebevolle Erziehung und Bildung. Ob die nun von einem Mann, zwei Frauen oder drei Männern, zwei Frauen und einer Person, die sich nicht auf ein Geschlecht festlegen möchte, kommt, halte ich für evident nachrangig.

      • Ist mein letzter Komentar eigentlich so anmaßend, wie er mir jetzt im Nachhinein vorkommt?
        Habe mich anscheinend noch nicht ganz an Post-Privacy gewöhnt…

      • Ich habe nichts anmaßendes gefunden 😉 Freut mich dazu etwas Input zu bekommen.

        Ich dreh mich bei solchen Themen immer im Kreis und weiß nicht, was ich eigentlich gut und richtig finde.
        Gerade beim Thema Kinder passiert mir, dass mir Dinge, die in der Gesellschaft als „normal“ gelten, mir selbst auch als „wahrscheinlich richtig“ erscheinen. So auch die typische Bilderbuchfamilie: Vater, Mutter, Kind. Ist ja auch ein nettes Bild. Nur kann ich diese Vorstellung als Homosexuelle so nicht bedienen. Und das bringt mich in den innerlichen Konflikt…

        Ich habe dann so ein wenig das Gefühl, mich mit dem bewussten Frau+Frau+Kind Ziel irgendwie gegen den eigentlichen Lauf der Welt zu stemmen. Weil ich diesen „Von Natur aus sollte es so und so sein…“ Gedanken aufgrund meiner Neigungen nicht unterstützen kann und dann deswegen der Gesellschaft meine eigenen Regeln aufdrücke. Und die Gesellschaft reagiert nicht immer wie ich mir das wünschen würde. Für mein einzelnes, persönliches Leben funktioniert das zwar noch; aber was, wenn ich ein neues Leben, sprich ein Kind, mit darein ziehe?

        Andererseits verändert sich die Gesellschaft auch nicht, wenn keiner mal was anders macht.
        Herrje…

        Deine Gedanken dazu kann ich aber auch gut nachvollziehen und ich höre sie gerne. Mir geht diese klare Denkstruktur manchmal ab. 😉

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