Hart aber fair

Gestern gab es wieder eine interessante Sendung zu einem meiner Lieblingsthemen – Homo-Ehe etc.

Arno Frank vom Spiegel schreibt darüber folgenden Bericht, den ich ganz wunderbar finde. Kann ich nur so unterschreiben:

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http://www.spiegel.de/kultur/tv/hart-aber-fair-plasberg-talk-ueber-homosexuelle-a-870781.html

„Hart aber fair“-Talk über Homosexuelle

Es nervt

Von Arno Frank

Da setzen sich tatsächlich zwei erzkatholische Publizisten in die Talkshow von Frank Plasberg, wettern gegen den „homosexuellen Hype“ und stempeln gleichgeschlechtliche Paare als solche zweiter Klasse herab. Geht’s noch? Zum Glück griff wenigstens der sehenswert aggressive Moderator ein.

Langsam nervt’s. Wie kann man sich nur ernsthaft in eine Talkshow setzen, um dort Schwulen und Lesben die gleichen Rechte abzusprechen, die Heterosexuelle ganz selbstverständlich in Anspruch nehmen? Wie kann man sich nur erdreisten, die homosexuelle zu einer Lebenspartnerschaft zweiter Klasse herabzuwürdigen? Wie kann denn 2012 noch ernsthaft darüber diskutiert werden, ob gleichgeschlechtliche Paare auch Kinder adoptieren dürfen? Wer tut sowas? Wer sind diese Leute?

Martin Lohmann und Birgit Kelle, beides erzkatholische Publizisten und CDU-Mitglieder, tun sowas und trauen sich, gegen den Strom oder, wie Lohmann sagen würde, den „homosexuellen Hype“ anzuschwimmen. Lohmann ist Chefredakteur des vatikantreuen Spartensenders K-TV, allen Ernstes „Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem“ und argumentiert entsprechend theologisch – übrigens erst, nachdem ihmPlasberg in einer sehenswert aggressiven Szene die Spickzettel förmlich entreißen musste, auf denen er sich Argumente, Zahlen und Studien notiert hatte.Ehe ist nach dem Evangelium des Lohmann da, wo Mann und Frau sind. Alles andere ist wider die – nein, nicht Schöpfung, sondern „Natur“. Für ihn ist Sexualität so „kostbar“, dass er das Wort unablässig und so lange wiederholt, bis selbst dem eingefleischtesten Atheisten dämmert, dass er damit eigentlich „heilig“ meint. Im Gegensatz zum bekanntlich billigen und „verantwortungslosen“ Aufeinanderhüpfen der Schwulen und Lesben, versteht sich. Weil da ja kein Kind bei rauskommt. „Sie haben ein Kind“, stellt Plasberg trocken fest: „Das heißt, sie haben einmal mit ihrer Frau geschlafen?“ – „Herr Plasberg, das ist eine primitive Aussage, und die weise ich zurück.“

Der Glaube des Kreuzritters Lohmann

Es ist sein Glauben, den mag man ihm nicht nehmen. Glauben ist auch etwas sehr Kostbares, wie Sex. Wer so glaubt wie Kreuzritter Lohmann, weiß aus dem persönlichen Gespräch mit Gott, was Gott will. Und wer kann das schon von sich behaupten? Birgit Kelle kann das, die ebenfalls von einem christlichen Fundament aus über Menschen urteilt, die nicht so rechtschaffen leben wie sie. Die Journalistin trägt ihre „vier kleinen Kinder“ wie eine Monstranz vor sich her und schwadroniert davon, dass „Dreiviertel aller Kinder in Deutschland“ in einer „Originalfamilie“ leben, also originalverpackt und mit der korrekten Einstellung ab Werk. Wer ohne Vater aufwächst, der wird depressiv, drogensüchtig, aggressiv. Gibt’s Studien zu. Von der schrillschwulen Politfolklore eines Christopher Street Day fühlt sie sich – ohne jedes Interesse an Ursprung und Geschichte des CSD – in ihrem wohlgeordneten Weltbild provoziert. Es sei wenig „hilfreich“, wenn Schwule und Lesben sich auf diese Weise „selbst ausgrenzen“.

Dabei hätte es in dieser Sendung gar nicht der Schwulen und Lesben bedurft, wie sie von den Unterhaltungskünstlern Ralf Morgenstern und Lucy (die von den No Angels) repräsentiert wurden. Lucy sitzt da und ist lesbisch, Morgenstern zeigt sich immerhin rechtschaffen empört bis grimmig belustigt – die natürliche Reaktion libertärer Menschen auf Reaktionäre, die keinem einzigen vernünftigen Argument zugänglich sind. Nein, es genügte vollkommen, Lohmann und Kelle zuzuhören, die ihre Ressentiments wie Auslegeware entrollten.

Irgendwo zwischen den Stühlen sitzt da noch Stefan Kaufmann. Als schwuler CDU-Abgeordneter ist er eigentlich die interessanteste Figur an diesem Abend. Auf dem Parteitag kämpft er für den Antrag, das Ehegattensplitting an die Familie zu koppeln und damit auch Homosexuellen zugänglich machen. Für das volle Adoptionsrecht für Schwule und Lesben tritt er nicht ein. Das sei, wie er zerknirscht einräumt, der CDU „noch nicht zuzumuten“.Mit dem Rücken zur Wand

„Sind Sie sicher, dass Sie in der richtigen Partei sind?“, fragt Plasberg besorgt, und nach dieser Frage verfällt Kaufmann zusehends in hamlethaftes Brüten. In seiner Zerrissenheit wirkt er wesentlich menschlicher als Leute wie Lohmann oder Kelle mit ihren fugenlos abgedichteten Überzeugungen. Beide fühlen sie sich sichtlich einsam in einer Gesellschaft, die ihre verknöcherten Tugenden und angestaubten Moralvorstellungen längst entsorgt hat. Sollte die CDU eines Tages auch mal wieder von „berufstoleranten Großstädtern“ (Plasberg) gewählt werden wollen, wird ihnen auch noch diese geistige Heimat abhanden kommen.

Es sind also Vertriebene. Es sind die Leute, die sich erdreisten und auf Angriff schalten. Weil sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Weil sie das Gefühl haben, ihnen käme etwas abhanden – wo es doch nur darum geht, anderen etwas zu geben. Aber vielleicht ist die reaktionäre Orientierung eines Menschen ja gar nicht angeboren. Vielleicht lässt sich da mit einer Therapie etwas machen. Es ist wirklich höchste Zeit. Denn langsam nervt’s.

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Ein Kommentar zu “Hart aber fair

  1. Naja,aber zumindest wird es mal bei solchen Sendungen angesprochen. Leider bekommt das Thema auch heute nicht ausreichend Plattform und Gehör in unserer Gesellschaft!

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